Jesuitische Pädagogik für die Volksschule

Jesuitische Pädagogik für die Volksschule

Streiflichter zu einer Umsetzung im 19. Jahrhundert

Als einer der Gründe für die Gegnerschaft, die dem Jesuitenorden im 18. Jahrhundert mächtig erwuchs und die 1773 zu seiner vorübergehenden Aufhebung führte, wird auch die fehlende Flexibilität der Jesuiten auf dem Bildungssektor genannt. Richtig hieran ist, daß gerade die bis ins 18. Jahrhundert fast unangefochtene beherrschende Stellung der Jesuitenkollegien im katholischen Europa dazu geführt hatte, zu sehr die Inhalte und zu wenig die Lehrmethodik in den Blick zu nehmen. Klagen darüber, daß man den Unterricht an den Gymnasien unzureichend qualifizierten Kräften übertrage – oft Scholastikern, die selbst noch in der Ausbildung waren und zudem nur kurze Zeit an den Schulen verweilten – oder daß der Gymnasiallehrer nicht das gleiche Ansehen genieße wie der Universitätslehrer und daher weniger motiviert sei, stehen in der Tradition von Problemen, die auf den Orden mit der Übertragung von Kollegien schon von Anfang an zugekommen waren.

Die jesuitische Ausbildungs- und Studienordnung, die unter dem Titel »Ratio atque Institutio Studiorum Societatis Iesu« 1599 veröffentlicht wurde, hatte hier nur begrenzt Abhilfe geschaffen und schaffen können. Erst die Ergänzungsschrift »Praktische Winke für Gymnasiallehrer aus der Gesellschaft Jesu« (1625) des Jesuiten Francesco Sacchini griff dieses Defizit auf und formulierte erstmals ein umfassendes Lehrerprofil.

Sacchini, der nach eigener Unterrichtstätigkeit lange Jahre Sekretär des Ordensgenerals Mutius Vitelleschi war, ergänzt die Anforderungen aus der »ratio studiorum«, die vor allem die religiöse und wissenschaftliche Qualifikation des Lehrers betont hatte: »Doch auch diese gründliche Kenntnis des Stoffes genügt noch nicht; es muß sich zu ihr die Erfahrung in der Lehrweise gesellen. Letztere ist eine eigentliche Wissenschaft und setzt große geistige Gewandtheit voraus; ja sie ist für die Schule von solcher Bedeutung, daß nicht selten ein wissenschaftlich weniger gebildeter Mann ein vorzüglicherer Lehrer ist, eben weil er diese Lehrmethode besser versteht.« Diese Lehrmethode besteht aber nicht in einer ausgefeilten Didaktik, wie sie die »ratio studiorum« mit ihren arbeitstechnischen Anweisungen für die einzelnen Gymnasialklassen durchaus kannte. Die Methode ist vielmehr eine pädagogische, die als solche in der »ratio« zu kurz kommt. Der Lehrer hat sein Amt als göttliche Aufgabe zu verstehen, sich selbst gegenüber dem Schüler zurückzunehmen und sich bei dem Gelingen seines Wirkens letztlich auf Gott als seinen Garanten zu verlassen, denn: »Nicht der begießt, ist etwas, noch der pflanzt, sondern derjenige, welcher Wachstum verleiht, nämlich Gott.«

Ein eigenes Kapitel widmet Sacchini der Hochachtung vor der Persönlichkeit des Schülers, die zugleich Motivation für den Unterricht sein soll. In seinen Schülern soll der Lehrer »eine zarte Herde geweihter Lämmer« sehen oder sich seine Klasse als »eine Schule junger Könige« vorstellen. Es ist daher konsequent, wenn auch der deutsche Jesuit Franz Xaver Kropf (1694-1746) in seiner »Gymnasial-Pädagogik« aus dem Jahr 1736 den ersten Schritt einer Lehrmethodik im Vorbild des Lehrers und dem umsichtigen Umgang mit den Schülern sieht. Kropf schärft dem Lehrer ein, daran zu denken, »welch schwere Strafe dessen warte, der auch nur einem von den Meinen zum Stein des Anstoßes würde.« Die hier angesprochenen Aspekte finden sich ähnlich bei einem deutschen Pädagogen, dessen Verdienste um das Elementar- bzw. Volksschulwesen in die Anfänge der allgemeinen Schulpflicht und zugleich in die Zeit der Aufhebung des Ordens (1773-1814) fallen. Der Münsteraner Diözesanpriester Bernard Overberg (1754-1826) übernahm für seine eigene Lehrmethode Sacchinis Verbindung von Unterricht als »Weg zur Verherrlichung Gottes wie zur Erreichung der ewigen Seligkeit« und mahnte die Lehrer, daß es ihr Amt sei, »die Lieblinge Gottes zu lehren und auf den Weg des Heiles zu leiten«. Was er im Umgang mit den Schülern vermittelt wissen wollte, setzte Overberg auch selbst als Ausbilder von Lehrern um. Der Respekt vor jedem, der vor ihm saß, um zu lernen, die freundliche, ja fast familiäre Lernatmosphäre führten nicht nur dazu, daß viele Lehrer freiwillig und wiederholt die Kurse Overbergs besuchten, sie wurden auf diese Weise auch zu Multiplikatoren seiner Lehrmethode.

Die erste der an den Provinzial gerichteten Regeln der »ratio studiorum« von 1599 betont zwar das Ziel pädagogischer Bildung, nämlich durch Wissenschaften »zur Erkenntnis und Liebe unseres Schöpfers und Erlösers angeregt zu werden.« Methodische Erläuterungen auf dieses Ziel hin fehlen aber weitgehend. Dennoch griff Overberg um 1800 auch dieses Kurzprogramm auf. Sein Ansatz für den Religionsunterricht geht ebenfalls von der Erkenntnis Gottes aus und überschreitet eine bloß natürliche Gotteserkenntnis.

Gott ist für ihn konkret der Vater, der alles für die Menschen so gut eingerichtet hat, daß es ihnen an nichts mangelt. Aus der Erkenntnis dieser Fürsorge des Vatergottes entspringt die Liebe gegenüber Gott und dem anderen. Und aus dieser Haltung gestaltet sich bei Overberg der Religionsunterricht.

Unter den Fächern hatte die »ratio studiorum« das Studium der Heiligen Schrift besonders hervorgehoben. Sacchini griff in seinen schon erwähnten »Praktischeu Winken« diesen Ansatz auf und hielt es für sinnvoll, bei der Behandlung der Katechismuswahrheiten auf Erzählungen aus der Bibel zurückzugreifen. Overberg geht auch hier noch weiter. Der Lehrer soll aus der biblischen Geschichte heraus im Gespräch von den Schülern erschließen lassen oder auch erklären, was dann mittels des Katechismus zu wiederholen sei. In einem aber ist sich Overberg mit Sacchini einig: »Darum trage der Katechet keine schwierigeren Fragen vor, welche das Fassungsvermögen der Schüler übersteigen, noch lasse er sich in weitläufige Erörterungen und Abschweifungen ein. Schließlich überlade er nicht durch Vielerlei den zarten, jugendlichen Geist und bürde ihm nicht über Gebühr Lasten auf.«

Das Auswendiglernen wollen beide ihren Schülern nicht ersparen, doch beide bemühen sich darum, ihnen den Zugang zum Wissen zu erleichtern. Der Jesuit Sacchini will im Zusammenhang mit der Liturgie die entsprechenden Glaubenswahrheiten erläutern, der westfälische Diözesanpriester Overberg aus der jeweiligen Lebenssituation der ländlichen Bevölkerung heraus über Gott und sein Wirken mit den Kindern ins Gespräch kommen. In Absetzung von der Aufklärungspädagogik war für Overberg wie für die Jesuiten Religion nicht nur ein Unterrichtsfach. Von der christlichen Botschaft her sollen die Schüler wie die Lehrer ihr Leben und ihre Umwelt verstehen lernen und annehmen können. Das ist das Ziel, von dem her sich eine Lehrmethode bestimmen lassen muss.

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